Ovid: Flora
Ovid, Fasten 5,183 ff:
Mater ades florum ludis celebranda iocosis
distuleram partes mense priore tuas
incipis Aprili transis in tempora Maii
alter te fugiens cum venit alter habet
cum tua sint cedantque tibi confinia mensum
convenit in laudes ille vel ille tuas
"Mutter der Blumen, komm: wir wollen in lustigem Spiel dich
feiern! Im vorigen Mond schob ich die Strophen noch auf.
Doch im April beginnst du und schreitest zum Mai nun herüber;
jener hat, wenn er vergeht, dieser dich dann, wenn er kommt.
Weil dir zugleich sie gehören, gehorchen, sich nachbarlich fügen
stimmt beider Monate Lied in deinem Lob überein.
circus in hunc exit clamataque palma theatris
hoc quoque cum circi munere carmen eat
ipsa doce quae sis hominum sententia fallax
optima tu proprii nominis auctor eris
sic ego sic nostris respondit diva rogatis
dum loquitur vernas efflat ab ore rosas
Zirkus schließt, und es kreist die Laola-Welle des Preises -
auch mein Gesang schließe dann mit deiner Runde den Kreis.
Lehre mich selbst, wer du bist – denn der Menschen Meinung ist unwahr -
rufe dich Blüte hervor, nenn dich aus eigenem Keim!"
So sang ich, und sogleich entsprach die Göttin den Bitten,
haucht ihr knospender Mund Frühlingsrosen ins Lied:
Chloris eram quae Flora vocor corrupta Latino
nominis est nostri littera Graeca sono
Chloris eram nymphe campi felicis ubi audis
rem fortunatis ante fuisse viris
quae fuerit mihi forma grave est narrare modestae
sed generum matri repperit illa deum
"Chloris war ich, nun Flora genannt – lateinisch verfaucht – so
ist mein Name, der einst griechisch "grünte", ver-"blüht"
Chloris war ich, eine Nymphe des glücklichen Landes, wo nach der
Sage, die du gehört, stand der Seligen Stadt.
Schwer fällt es mir noch bescheiden zu schildern, wie groß meine Schönheit:
fand sie als Schwiegersohn doch für meine Mutter den Gott!
ver erat errabam Zephyrus conspexit abibam
insequitur fugio fortior ille fuit
et dederat fratri Boreas ius omne rapinae
ausus Erecthea praemia ferre domo
vim tamen emendat dando mihi nomina nuptae
inque meo non est ulla querella toro
Frühlingsverwirrt irrte ich, Zephyr sah mich – ach, und ich schwirrte
vor ihm davon; wie ich floh, drängte er stärker nur nach.
Boreas gab dem Bruder das Recht zur Entführung, indem er
frech aus Erechtheus Haus holte sich selbst seinen Lohn.
Doch die Gewalttat machte er gut, denn er ehrt mich als Gattin.
Anlaß zur Klage gibt's nicht in meinem eh'lichen Bett.
vere fruor semper semper nitidissimus annus
arbor habet frondes pabula semper humus
est mihi fecundus dotalibus hortus in agris
aura fovet liquidae fonte rigatur aquae
hunc meus implevit generoso flore maritus
atque ait arbitrium tu dea floris habe
Ewigen Frühling genieß ich, nie endet die Lichtflut des Jahres,
immer belaubt steht der Baum, fett wächst Futter fürs Vieh.
Unter den Äckern, den Hochzeitsgaben, da fruchtet mein Garten:
lind weht der Wind; ein Quell netzt ihn mit sprudelndem Naß.
Diesen erfüllte mit köstlichen Blumen mein Gatte und sagte:
"Du sollst die Göttin hier sein! Du triffst die Wahl, was hier wächst!"
saepe ego digestos volui numerare colores
nec potui numero copia maior erat
roscida cum primum foliis excussa pruina est
et variae radiis intepuere comae
conveniunt pictis incinctae vestibus Horae
inque leves calathos munera nostra legunt
Oft wollte ich den Reichtum der Farbenschattierungen schätzen -
völlig unmöglich! Der Schatz sprengt aller Schätzungen Zahl.
Schmilzt der Reif und perlt sodann der Tau von den Blättern,
wenn all das bunte Laub wird von den Strahlen erwärmt,
kommen die Horen in hochgegürteten Farbengewändern,
sammeln mit leichtem Korb unsere Gaben dann ein.
protinus accedunt Charites nectuntque coronas
sertaque caelestes implicitura comas
prima per immensas sparsi nova semina gentes
unius tellus ante coloris erat
prima Therapnaeo feci de sanguine florem
et manet in folio scripta querella suo
Gleich dann kommen die Grazien auch und flechten sich Kränze,
Blumenkronen, die sie winden ins himmlische Haar.
Ich als erste gab neue Samen unzähligen Völkern;
tönte den Ton doch allein ein eintöniger Ton.
Ich als erste erschuf aus dem Blut des Hyakinthos Blumen,
und du siehst in ihr Blatt Chiffren der Klage geprägt.
tu quoque nomen habes cultos Narcisse per hortos
infelix quod non alter et alter eras
quid Crocon aut Attin referam Cinyraque creatum
de quorum per me volnere surgit honor
Du, Narkissos, auch hast einen Namen in künstlichen Gärten,
Unbefriedigter, du selbst mit dir selbst nicht vereint.
Soll ich noch Krokos, Adonis und Attis als Zeugen benennen,
aus deren Wunde durch mich blühende Ehre erwuchs?"
http://12koerbe.de/mosaiken/hesiod-b.htm#Ovid,%20Fasten%205,183%20ff